DenkMal Afrika neu!

Koloniale Strukturen erkennen, neue Perspektiven gewinnen und globale Gerechtigkeit gestalten. Für einen differenzierten Blick auf Afrika und die Welt.

Afrika ist ein Kontinent von beeindruckender Vielfalt: 54 Länder, über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 gesprochene Sprachen. Dennoch wird er in Medien und öffentlichen Debatten häufig vor allem mit Krisen, Konflikten oder Armut in Verbindung gebracht. Dieses einseitige und defizitorientierte Bild blendet historische und globale Zusammenhänge aus und lässt die kulturelle, sprachliche, innovative und politische Vielfalt des Kontinents weitestgehend außen vor. Doch warum hält sich dieses Bild so hartnäckig?

Unser Blick auf Afrika (und die Welt) ist nicht neutral

Die Art und Weise, wie wir über Afrika sprechen und denken, ist historisch geprägt. Viele unserer Vorstellungen wurden über Jahrhunderte durch europäische Perspektiven auf Geschichte, Politik und Gesellschaft beeinflusst. Dadurch rückten bestimmte Erfahrungen und Sichtweisen in den Mittelpunkt, während andere kaum Beachtung fanden oder ganz ausgeblendet wurden.

Wer unseren Nachbarkontinent und unsere vielfältigen Verbindungen zu ihm besser verstehen möchte, muss deshalb auch den eigenen Blick hinterfragen. Dazu gehört, eurozentrische Perspektiven zu erkennen, historische Zusammenhänge sichtbar zu machen und Raum für diejenigen Geschichten und Erfahrungen zu schaffen, die lange ausgeblendet wurden. Doch was bedeutet Eurozentrismus überhaupt?

Was ist Eurozentrismus?

Eurozentrismus bedeutet, dass Europa und europäische Vorstellungen häufig als Maßstab betrachtet werden, an dem andere Gesellschaften und Entwicklungen gemessen werden. Europäische Geschichte, Werte, politische Systeme oder Formen von Wissen erscheinen dabei als selbstverständlich, fortschrittlich oder sogar als allgemeingültig. Andere Perspektiven werden dagegen leichter als „anders“, „rückständig“ oder weniger relevant wahrgenommen.

Diese Sichtweise ist eng mit der Geschichte des Kolonialismus verbunden. Europäische Kolonialmächte begründeten ihre Herrschaft unter anderem mit der Vorstellung, europäische Gesellschaften seien anderen überlegen und hätten deshalb das Recht oder sogar die Aufgabe, diese zu „entwickeln“ oder zu „zivilisieren“.

Eurozentrische Vorstellungen wirken jedoch auch heute weiter – zum Beispiel darin, welche Geschichten in Schulbüchern erzählt werden, welches Wissen als wissenschaftlich gilt oder wie über Afrika gesprochen wird.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Eurozentrismus hilft deshalb dabei, die eigene Perspektive zu hinterfragen und unterschiedliche historische, gesellschaftliche und afrikanische Sichtweisen stärker einzubeziehen.

Eurozentrische Geschichtserzählungen beeinflussen nicht nur, wie über Afrika gesprochen wird, sondern auch, welche Teile seiner Geschichte im Mittelpunkt stehen. Häufig beginnt die Geschichte Afrikas in solchen Erzählungen erst mit dem transatlantischen Sklavenhandel oder der europäischen Kolonisierung. Tatsächlich blickt der Kontinent jedoch auf eine jahrtausendealte Geschichte vielfältiger Gesellschaften, Königreiche, Handelsnetzwerke und Wissenssysteme zurück. Ein Blick auf diese Geschichte zeigt, dass Afrika vor der europäischen Kolonisierung keineswegs ein „geschichtsloser“ oder „unterentwickelter“ Kontinent war. Zahlreiche Gesellschaften entwickelten komplexe politische und wirtschaftliche Strukturen und waren in regionale und globale Handelsnetzwerke eingebunden.

Afrika vor dem Kolonialismus

Ein Bild, das koloniale Erzählungen lange verbreiteten und häufig bis heute wirkt ist, dass Afrika vor der europäischen Kolonisierung ein „geschichtsloser“ oder „unterentwickelter“ Kontinent war. Diese Erzählung ist falsch. Es existierten zahlreiche Königreiche, Imperien und Stadtstaaten mit komplexen politischen Strukturen, weitreichenden Handelsbeziehungen und bedeutenden wissenschaftlichen und kulturellen Zentren.

Reiche wie das Songhai-Reich, das Königreich Kongo, Groß-Simbabwe, das Aksumitische Reich oder die Handelsstädte der Swahili-Küste waren eng in internationale Handelsnetzwerke eingebunden. Über transsaharische Karawanenrouten und den Indischen Ozean wurden Gold, Salz, Elfenbein, Textilien und viele weitere Güter gehandelt. Gleichzeitig verbreiteten sich Ideen, Technologien und Wissen über Kontinente hinweg. Während Europa noch überwiegend agrarisch geprägt war, gehörten viele Regionen Afrikas und Asiens zu den wirtschaftlichen und kulturellen Zentren der damaligen Welt.

Erst mit der europäischen Expansion und dem Kolonialismus verschoben sich die globalen Machtverhältnisse grundlegend. Die koloniale Eroberung zerstörte oder schwächte zahlreiche bestehende politische Strukturen. Ein Blick auf die Geschichte Afrikas vor dem Kolonialismus macht deutlich, dass heutige globale Ungleichheiten historisch gewachsen und eng mit kolonialen Machtverhältnissen verbunden sind.

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Europas später wirtschaftlicher Aufstieg – und was der Kolonialismus damit zu tun hat

Die europäische Expansion und die koloniale Aufteilung des Kontinents veränderten diese gewachsenen Strukturen grundlegend. Um diese Veränderungen und ihre Folgen zu verstehen, ist ein genauerer Blick auf den europäischen Kolonialismus essenziell. Koloniale Herrschaft beruhte nicht nur auf militärischer Eroberung und wirtschaftlicher Ausbeutung, sondern auch auf rassistischen Vorstellungen, mit denen die Unterordnung und Gewalt gegenüber kolonisierten Gesellschaften legitimiert wurden.

(Deutscher) Kolonialismus

Kolonialismus war weit mehr als die militärische Eroberung fremder Gebiete. Er beruhte auf der gewaltsamen Aneignung von Land, der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen sowie der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerung. Auch das Deutsche Kaiserreich war zwischen 1884 und 1919 Kolonialmacht. Trotz des vergleichsweise kurzen Zeitraums war die deutsche Kolonialzeit nicht weniger geprägt von Gewalt, Ausbeutung und rassistischen Herrschaftsstrukturen. Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts an den OvaHerero und Nama sowie der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika zählen zu den schwersten Verbrechen jener Zeit. Ihre Folgen wirken bis heute nach und prägen Debatten über historische Verantwortung, Erinnerungskultur und globale Gerechtigkeit.

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Kolonialismus und Rassismus

Koloniale Herrschaft wurde nicht allein mit militärischer Gewalt durchgesetzt, sondern auch durch rassistische Ideologien legitimiert. Menschen wurden anhand vermeintlicher biologischer oder kultureller Unterschiede hierarchisiert, um Ausbeutung, Unterdrückung und Landraub als gerecht oder sogar notwendig darzustellen. Viele dieser Denk- und Sprachmuster wirken bis heute nach und prägen gesellschaftliche Debatten bis in die Gegenwart.

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Die Ideologie der Überlegenheit: Wie Rassismus als moralische Rechtfertigung für den Kolonialismus diente

Was ist vom Kolonialismus geblieben?

Mit der politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten endete die direkte koloniale Herrschaft. Damit verschwanden jedoch weder alle kolonial geprägten Machtverhältnisse noch die Denkmuster und Darstellungen, die während der Kolonialzeit entstanden sind. Viele wirken bis heute in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Sprache und Erinnerungskultur fort.

Postkoloniale Perspektiven helfen dabei, diese Kontinuitäten sichtbar zu machen. Sie fragen danach, wie koloniale Geschichte unsere Gegenwart prägt, welche Perspektiven in gängigen Erzählungen fehlen und wie eurozentrische Vorstellungen hinterfragt werden können. Dabei geht es um die Fragen: Was wirkt fort? Und wer ist wie von bestehenden Machtverhältnissen betroffen?

Intersektionalität ist dabei eine weitere wichtige Perspektive. Sie macht sichtbar, wie unterschiedliche Macht- und Diskriminierungsverhältnisse – wie beispielsweise Rassismus, Geschlecht oder soziale Herkunft – miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Gerade für die Auseinandersetzung mit kolonialen Kontinuitäten hilft dieser Blick dabei, vereinfachende Erklärungen zu vermeiden und unterschiedliche Erfahrungen und Positionen sichtbar zu machen.

Postkoloniale Perspektiven

1980 erklärte Simbabwe als letztes afrikanisches Land seine Unabhängigkeit von einer europäischen Kolonialmacht. Damit war der offizielle Rückzug der Kolonialmächte vom Kontinent abgeschlossen. Doch viele Spuren der Kolonialzeit wirken bis heute nach - in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und gesellschaftlichen Vorstellungen. Genau hier setzen postkoloniale Perspektiven an. Sie fragen: Was ist vom Kolonialismus geblieben – auch wenn seine sichtbarsten Formen längst aus dem (europäischen) Blickfeld verschwunden sind? Sie helfen dabei, eurozentrische Denk- und Darstellungsmuster kritisch zu hinterfragen, historische Zusammenhänge sichtbar zu machen und vielfältige – insbesondere afrikanische – Perspektiven stärker einzubeziehen. So tragen sie zu einem differenzierteren Verständnis unserer globalisierten Welt bei.

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Postkoloniale Perspektiven: Wer erzählt wessen Geschichte?

Intersektionalität

Sich mit Kolonialismus, postkolonialen Strukturen und den daraus entstandenen bzw. fortwirkenden Machtverhältnissen zu beschäftigen, ist auch aus einer intersektionalen Perspektive von besonderer Bedeutung. Koloniale Herrschaft wirkte nicht allein über rassistische Hierarchien, sondern war zugleich mit Geschlechterordnungen, sozialen und wirtschaftlichen Hierarchien sowie unterschiedlichen Formen von Ausbeutung und Ausschluss verbunden. Eine intersektionale Perspektive macht sichtbar, wie solche Machtverhältnisse zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen.

Ihre politischen und theoretischen Wurzeln liegen unter anderem im Black Feminism, der die Erfahrungen Schwarzer Frauen sichtbar machte und sich gegen eine eindimensionale Betrachtung von Rassismus und Sexismus wandte. Postkolonial-feministische Ansätze erweiterten diese Perspektive um die Frage, wie koloniale Geschichte und globale Machtverhältnisse soziale Ungleichheiten bis heute prägen.

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Intersektionalität – wenn Diskriminierung sich überschneidet

Kolonialgeschichte ist eine Geschichte des Widerstands

Aus einer eurozentrischen Erzählung wird Kolonialgeschichte häufig aus der Perspektive der europäischen Kolonialmächte erzählt: Wer eroberte welches Gebiet, welche Grenzen wurden gezogen und welche Kolonialverwaltungen entstanden? Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass afrikanische Gesellschaften diese Entwicklungen nicht passiv hinnahmen. Von der europäischen Aufteilung des Kontinents bis in die Zeit nach den Unabhängigkeiten zieht sich eine Geschichte des Widerstands, der Selbstbehauptung und des Kampfes um politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung.

Afrikanischer Widerstand

Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in verschiedenen Regionen Afrikas eine vielfältige Presse, in der afrikanische Journalist*innen, Intellektuelle und politische Akteur*innen gesellschaftliche Entwicklungen kommentierten und auch die europäische Expansion zunehmend kritisch begleiteten. Während des sogenannten "Wettlaufs um Afrika" berichteten Zeitungen wie der Lagos Observer über die Berliner Afrika-Konferenz und verurteilten die Ansprüche europäischer Mächte auf afrikanische Gebiete scharf. Eine Woche vor dem Ende der Konferenz schrieb die Zeitung, die Welt habe „vielleicht noch nie einen Raub in einem derart gewaltigen Ausmaß erlebt“.

Als die europäischen Mächte begannen, ihre kolonialen Ansprüche militärisch durchzusetzen, leisteten zahlreiche afrikanische Gesellschaften Widerstand. Im Königreich Dahomey kämpften die sogenannten Dahomey-Kriegerinnen als Teil einer Eliteeinheit der Armee gegen die französische Expansion. In Äthiopien gelang es Kaiser Menelik II. verschiedene Bevölkerungsgruppen zu vereinen und die italienische Armee 1896 in der Schlacht von Adwa entscheidend zu besiegen – ein welthistorisches Ereignis, das Äthiopiens Unabhängigkeit sicherte und weit über den Kontinent hinaus zum Symbol antikolonialen Widerstands wurde. Andere Widerstandsbewegungen wurden hingegen mit äußerster Gewalt niedergeschlagen: Der Widerstand der OvaHerero und Nama gegen Landenteignung und deutsche Kolonialherrschaft mündete 1904 in den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Auch der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika war ein gemeinsamer Widerstand verschiedener Bevölkerungsgruppen gegen Zwangsarbeit, Steuern, Landenteignung und koloniale Unterdrückung, der von der deutschen Kolonialmacht brutal niedergeschlagen wurde.

Mit den Unabhängigkeitsbewegungen veränderte sich der Widerstand. Nun ging es zunehmend darum, politische Souveränität zu erlangen und nach der Unabhängigkeit auch wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten zu überwinden. Panafrikanische Bewegungen und Politiker*innen forderten deshalb nicht nur das Ende der kolonialen Herrschaft, sondern auch afrikanische Einheit, politische Eigenständigkeit und eine stärkere Kontrolle über die eigenen wirtschaftlichen Ressourcen. Diese Forderungen prägten unter anderem die politischen Vorstellungen von Kwame Nkrumah, Patrice Lumumba und später Thomas Sankara.

Afrikanischer Widerstand ist keine Geschichte einzelner "Aufstände", sondern zieht sich durch verschiedene Epochen und nimmt immer wieder neue Formen an. Viele dieser Geschichten sind in Deutschland bis heute wenig bekannt. Sie sichtbar zu machen, verändert auch unseren Blick auf die Kolonialgeschichte: Afrika erscheint nicht nur als Ort kolonialer Gewalt und Ausbeutung, sondern als Kontinent mit Menschen und Gesellschaften, die widersprachen, handelten, politische Alternativen entwickelten und ihre Zukunft aktiv mitgestalteten.


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Das älteste unabhängige Land Afrikas:Warum wurde Äthiopien nie vollständig kolonisiert?

Der Maji-Maji Krieg – Zwischen Widerstandsbewegung und Kolonialverbrechen

Ein vergessenes Kapitel? Deutschland und seine Kolonien

Patrice Eméry Lumumba:Symbolfigur für den Kampf gegen den Kolonialismus

Der Revolutionär Burkina Fasos: Thomas Sankara

Kwame Nkrumah – Nationalheld Ghanas




Gemeinsam mit Afrika setzt sich dafür ein,

  • eurozentrische Perspektiven kritisch zu hinterfragen,
  • koloniale Kontinuitäten und globale Machtverhältnisse sichtbar zu machen,
  • vielfältige afrikanische Perspektiven und Geschichten stärker in den Mittelpunkt zu rücken,
  • Lehrkräfte und Multiplikator*innen mit Bildungsangeboten und Unterrichtsmaterialien zu unterstützen,
  • zur kritischen Reflexion eigener Sichtweisen anzuregen und
  • Globales Lernen im Sinne globaler Gerechtigkeit zu stärken.

Impulse für den eigenen Perspektivwechsel

  • Eigene Vorstellungen hinterfragen: Woher kommen meine Bilder von Afrika?
  • Perspektiven erweitern: Bücher, Medien und Stimmen aus afrikanischen Kontexten kennenlernen.
  • Geschichte einordnen: Kolonialismus und seine Folgen als Teil globaler Geschichte verstehen.
  • Sprache bewusst nutzen: Kolonial geprägte Begriffe und stereotype Darstellungen erkennen und vermeiden.
  • Wissen teilen: Gespräche anstoßen, Materialien nutzen und neue Perspektiven weitergeben.

"DenkMal Afrika neu!" im Unterricht:

Ab 2027 finden Sie hier neu entwickelte Unterrichtsmaterialien zu dem Themen "(Deutscher) Kolonialismus", "Postkolonialismus", "Intersektionalität" und "Afrika vor dem Kolonialismus" für die Grundschule und die Sekundarstufe I und II.


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