Intersektionalität – wenn Diskriminierung sich überschneidet 

Eine Person kann gleichzeitig Frau, Schwarz, queer, arm oder reich, jung oder alt, mit oder ohne Behinderung sein. Diese Merkmale wirken nicht getrennt voneinander, sondern greifen ineinander. Für dieses Phänomen hat sich der Begriff Intersektionalität etabliert.

Was bedeutet Intersektionalität?  

Intersektionalität weist drauf hin, dass sich soziale Kategorien wie Gender, (zugeschriebene) Ethnizität oder Klasse nicht isoliert voneinander betrachten lassen. Es reicht nicht aus, mehrere soziale Kategorien nur nebeneinander zu stellen. Entscheidend ist vielmehr, ihre Wechselwirkungen zu analysieren und zu verstehen, wie sie unterschiedliche soziale Positionen und die Betroffenheit von struktureller Diskriminierung prägen.  

Die Straßenkreuzung als Bild 

Geprägt wurde der Begriff 1989 von der US-amerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw. Sie beschäftigte sich mit der Frage, warum Schwarze Frauen vor Gericht oft keinen Erfolg hatten, wenn sie gleichzeitig rassistische und sexistische Diskriminierung geltend machen wollten. Um das Problem greifbar zu machen, entwickelte sie das Bild einer Straßenkreuzung: Verkehr kommt aus vier Richtungen. Kommt es zu einem Unfall, lässt sich oft nicht eindeutig feststellen, aus welcher Richtung der Zusammenstoß verursacht wurde. Manchmal liegt die Ursache des Zusammenstoßes sogar in mehreren Fahrtrichtungen gleichzeitig. Genauso kann eine Schwarze Frau an dieser „Kreuzung“ verschiedene Diskriminierungsformen erfahren, die sich nicht eindeutig nur dem Rassismus oder nur dem Sexismus zuordnen lassen.  

Anhand mehrerer US-Gerichtsfälle aus den 1970er und 80er Jahren, wie zum Beispiel der Klage Schwarzer Arbeiterinnen gegen General Motors, zeigte Crenshaw, dass Gerichte Diskriminierung fast ausschließlich eindimensional dachten: Entweder als Rassismus (gemessen an der Erfahrung Schwarzer Männer) oder als Sexismus (gemessen an der Erfahrung weißer Frauen). Für die spezifische Situation Schwarzer Frauen gab es in diesem Denken keinen Platz. Crenshaw plädierte deshalb dafür, Diskriminierung nicht additiv zu verstehen (Rassismus + Sexismus), sondern als eigene, miteinander verwobene Erfahrung. 

Wurzeln im Black Feminism 

Auch wenn der Begriff selbst aus der Rechtswissenschaft stammt, reichen seine politischen Wurzeln weiter zurück: sie liegen im Black Feminism und der Critical Race Theory der USA. Bereits 1977 forderte das Combahee River Collective, ein Zusammenschluss Schwarzer, lesbischer und sozialistischer Feministinnen, eine Analyse, die Unterdrückungsformen als ineinandergreifend begreift statt als getrennte Kämpfe. Parallel dazu lieferten postkoloniale Feministinnen wie Chandra Talpade Mohanty, Gayatri Chakravorty Spivak oder Trinh Minh-ha wegweisende Impulse. Sie kritisierten, dass sich die etablierte Frauenforschung beinahe exklusiv an den Interessen weißer, westlicher und heterosexueller Frauen der Mittelschicht orientierte und deren Erfahrungen häufig als universell darstellte. Auch in Westdeutschland trugen unter anderem Schwarze Frauen, Migrantinnen, jüdische Frauen sowie Frauen mit Behinderungen seit den 1980er Jahren dazu bei, dass Mehrfachdiskriminierung sichtbar wurde. 

Mehr als nur Geschlecht und Herkunft 

Intersektionalität ist heute kein festes Set von Kategorien, sondern ein Blickwinkel. Neben Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit können auch Merkmale wie sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Status, Behinderung oder Religion relevant sein. Entscheidend ist dabei immer der Kontext: Welche Kategorien in einer bestimmten Situation Machtverhältnisse und Diskriminierung erzeugen, hängt von Zeit, Ort und gesellschaftlichem Umfeld ab. Ein Beispiel aus der Wissenschaft: Werden nur Daten zu Geschlecht oder Staatsangehörigkeit von Professor*innen erhoben, bleibt unsichtbar, dass für Frauen und Personen mit Migrationsgeschichte zusätzlich die soziale Herkunft eine besonders große Rolle für den Weg an die Universität spielt. Erst eine intersektionale Perspektive macht solche Zusammenhänge sichtbar. 

Kritik und blinde Flecken 

Intersektionalität wird längst nicht nur in den USA, sondern auch in der deutschsprachigen Gender- und Diversityforschung genutzt. Dabei gibt es aber auch Kritik: Manche Wissenschaftler*innen bemängeln, dass der Ansatz in Deutschland zunehmend von privilegierten, akademischen Kreisen geprägt wird, während die politischen Ursprünge im Schwarzen Feminismus und in der Kritik am Kolonialismus in den Hintergrund treten. Zudem werde die globale, koloniale Dimension sozialer Ungleichheit in vielen intersektionalen Analysen zu wenig berücksichtigt. Kritikerinnen wie María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan bemängeln einen „impliziten Eurozentrismus“ der deutschen Intersektionalitätsdebatte. Durch den Fokus auf europäische bzw. westliche Gesellschaften würden globale Strukturen von Ausbeutung und internationaler Arbeitsteilung als Folgen des Kolonialismus häufig ausgeblendet. Ohne einen antirassistischen und postkolonialen Analyserahmen drohe Intersektionalität zu einer bloßen Beschreibungsformel für Differenzen zu werden, anstatt die historisch-materiellen Kontexte und Machtverhältnisse zu analysieren, aus denen soziale Kategorien hervorgehen. 

Inzwischen wurden in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedliche theoretische und methodische Zugänge zum Intersektionalitätskonzept entwickelt. Weiterführende Informationen zu Theorie, Forschung und Praxisprojekten finden sich im Portal Intersektionalität

Quellen

Crenshaw, KimberléDemarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum 1: 139-167. (1989) 

Freie Universität Berlin: Intersektionalität statt Eindimensionalität und Addition (Februar 2025) 

UN WomenIntersectional feminism: What it means and why it matters right now (Juni 2025) 

Vielfalt-MediathekWas ist Intersektionalität? (2025) 

Walgenbach, KatharinaIntersektionalität – eine Einführung. (2012) 

Beitragsbild: © Montecruz Foto / CC BY-SA 4.0

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