Wahlen ohne Wahl? Demokratische Krise und Jugendproteste in Tansania

Im Oktober 2025 fanden in Tansania Wahlen statt. Vor allem junge Menschen stellten den demokratischen Charakter des Wahlprozesses infrage.

Am 29. Oktober 2025 fanden in Tansania Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Sie waren geprägt von Repression, politischer Ausgrenzung und massiven Protesten. Vor allem junge Menschen stellten den demokratischen Charakter des Wahlprozesses infrage. Die Eskalation am Wahltag kam dabei nicht überraschend, sondern zeichnete sich bereits in den Monaten zuvor ab.

Im Vorfeld der Wahlen

Bereits vor der Wahl zeichnete sich eine wachsende Unzufriedenheit ab, vor allem unter jungen Menschen. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch warnten vor einer den demokratischen Prozess gefährdenden „zunehmenden Unterdrückung“, während Presse- und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt und Korruption sowie das Verschwindenlassen von Kritiker*innen erneut deutlich zutage traten.

Hinzu kam, dass die beiden größten Oppositionsparteien CHADEMA und ACT-Wazalendo die Unterzeichnung des für eine Kandidatur notwendigen Verhaltenskodexes verweigerten, da zuvor angekündigte Verfassungs- und Wahlrechtsreformen ausgeblieben waren. In der Folge wurden beide Parteien nicht zur Wahl zugelassen. Zudem wurde der wichtigste Oppositionskandidat Tundu Lissu (CHADEMA) im Vorfeld der Wahlen inhaftiert.

Vor diesem Hintergrund galt die seit der Unabhängigkeit regierende Partei Chama Cha Mapinduzi (CCM) bereits früh als sicherer Sieger, und die Bestätigung von Samia Suluhu Hassan, die das Präsidentenamt seit 2021 innehat, wurde weithin als Formsache betrachtet. Entsprechend warfen Kritiker*innen und Demonstrierende der Regierungspartei schon während der Wahlvorbereitungen massive Wahlfälschung vor.

Historisch betrachtet ist diese gesellschaftliche Unzufriedenheit keine neue Entwicklung: Bereits während der Präsidentschaft von John Magufuli (2015–2021) wurde die Opposition systematisch unterdrückt, und auch nach seiner Wiederwahl im Jahr 2020 gab es massive Vorwürfe von Wahlfälschung. Auch diese lange Kontinuität autoritärer Praktiken legte den Grundstein für die massiven Proteste während der Wahlen 2025.

Proteste und Eskalation am Wahltag

Am Wahltag selbst eskalierte die Situation. In mehreren Städten, darunter Dar es Salam, Mwanza und Arusha, kam es zu landesweiten Protesten, die vor allem von jungen Menschen getragen wurden. Die Demonstrierenden forderten zum Boykott der Wahlen auf.

Im Zuge der Proteste wurden staatliche Einrichtungen, darunter die Antikorruptionsbehörde, angegriffen. Demonstrierende errichteten Straßensperren und stürmten zeitweise den internationalen Flughafen in Dar es Salam. Als Reaktion stellte die Regierung das Internet für fünf Tage ab und verhängte eine landesweite Ausgangsperre ab 18 Uhr.

Folgen der Proteste: Gewalt, Inhaftierungen und Menschenrechtsverletzungen

Auch nach dem Wahltag hielten die Proteste noch mehrere Tage an, wurden jedoch durch das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte schnell zurückgedrängt. Neben Tränengas setzte die Polizei auch scharfe Munition ein. Neben zahlreichen Verletzten gab es viele Todesopfer, wobei die Angaben stark variieren. Schätzungen gehen von mehreren Hundert bis über 1.000 Toten aus. Zudem wurden Hunderte Menschen inhaftiert und unter anderem wegen Hochverrats angeklagt – ein Delikt, auf das in Tansania die Todesstrafe steht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentierte „systematische Menschenrechtsverletzungen“ durch die tansanischen Behörden, darunter u.a. „Verschleppung und Folter“ und „außergerichtliche Tötungen von Oppositionellen und Aktivisten“.

Warum vor allem junge Menschen protestierten

Tansania zählt rund 70 Millionen Einwohner*innen, von denen etwa 77 Prozent jünger als 35 Jahre sind. Da das Wahlrecht ab dem 18. Lebensjahr gilt, stellen junge Menschen rund die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung. Ihr politisches Engagement hätte somit erheblichen Einfluss auf den Wahlausgang haben können.

Viele junge Tansanier*innen empfanden den Wahlprozess jedoch nicht als reale Möglichkeit politischer Mitbestimmung. Die Einschränkungen der Meinungsfreiheit, der Ausschluss der Opposition und der Eindruck eines bereits feststehenden Wahlausgangs führten viele von ihnen zum Protest statt zum Wahllokal.

Die Mobilisierung junger Menschen lässt sich dabei auch im Kontext globaler Protestbewegungen der Generation Z (zwischen 1995 und 2010 Geborene) einordnen, die sich vielerorts gegen politische Ausgrenzung, autoritäre Regierungsformen und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven richtet. Ähnliche Proteste junger Menschen waren in den vergangenen Jahren auch in anderen afrikanischen Ländern zu beobachten, etwa in Kenia oder Madagaskar. Die Proteste in Tansania fügen sich damit in ein regionales wie globales Muster jugendlicher politischer Mobilisierung ein.

Nach der Wahl: Regierung vereidigt trotz Kritik

Nach offiziellen Angaben gewann Samia Suluhu Hassan die Präsidentschaftswahlen mit fast 98 Prozent der Stimmen, wobei die Opposition faktisch ausgeschlossen war. Eine von Malawi geleitete Wahlbeobachtermission, die South African Development Community (SADC), kam zu dem Ergebnis, dass die Wahlen nicht den SADC-Prinzipien für demokratische Wahlen entsprochen hätten. In etlichen Wahllokalen seien kaum Wähler*innen erschienen, zudem seien die Wahlurnen vorab mit ausgefüllten Stimmzetteln zugunsten der Regierungspartei CCM gefüllt worden. Auch die Afrikanische Union äußerte deutliche Kritik und erklärte, grundlegende demokratische Standards seien nicht eingehalten worden.

Trotz anhaltender Proteste im Inland und internationaler Kritik wurde die neue Regierung am 3. November 2025 vereidigt. Unter den ernannten Minister*innen befinden sich zahlreiche Vertraute und Familienangehörige der Präsidentin, darunter ihre Tochter, die zur Vize-Bildungsministerin ernannt wurde, sowie ihr Schwiegersohn, der das Amt des Gesundheitsministers übernahm. Zwar setzte die Präsidentin eine Kommission zur Aufarbeitung der Gewalt im Zusammenhang mit den Wahlen ein, die Vorwürfe gegen ihre Regierung weist sie jedoch weiterhin zurück. Die Entwicklungen nach den Wahlen deuten insgesamt auf eine weitere Verschärfung antidemokratischer Tendenzen in Tansania hin.

Quellen

BBC: How Tanzania police crushed election protests with lethal force (November 2025)

Bundeszentrale für politische Bildung: kurz & knapp Tansania (Januar 2026)

taz: Die Wut der Jugend entlädt sich auf der Straße (November 2025)

taz: Es bleibt in der Familie (Januar 2025)

The Citizen: Tanzania’s youth: A demographic blessing or time bomb? (Mai 2024)

Deutsche Welle: Afrikas Gen Z in Aufruhr: Was erreicht die Jugend 2026? (Januar 2026)

Verfasst am 29. Januar 2026

Suchen Sie etwas anderes?

Ja, ich möchte spenden!

Jetzt spenden und die wertvolle Arbeit von Gemeinsam mit Afrika unterstützen. Wir setzen uns für nachhaltige Unterstützung auf dem afrikanischen Kontinent ein.

    Ihr Warenkorb
    Ihr Warenkorb ist leerZurück zum Shop