Ein vergessenes Kapitel? Deutschland und seine Kolonien   

Der deutsche Kolonialismus war geprägt von Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung und hinterließ in den ehemaligen Kolonien bis heute spürbare politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen.

Deutschlands koloniale Vergangenheit liegt mehr als hundert Jahre zurück. Ihre Folgen prägen jedoch bis heute die betroffenen Gesellschaften und Debatten – sowohl in den ehemals kolonisierten Gebieten als auch in Deutschland.  

Wenn heute über Kolonialismus gesprochen wird, denken viele zunächst an die großen Kolonialmächte Frankreich, Spanien oder Großbritannien. Weniger bekannt ist, dass auch das Deutsche Kaiserreich zwischen 1884 und 1918 Kolonien in den Regionen Afrika, Asien und dem Pazifik kolonisierte. Damit stellten die Kolonien des deutschen Kaiserreichs flächenmäßig die drittgrößten weltweit dar, nach Großbritannien und Frankreich. 

Obwohl die deutsche Kolonialherrschaft nur rund 35 Jahre dauerte, hinterließ sie tiefgreifende Folgen. Landraub, Zwangsarbeit, rassistische Herrschaftsstrukturen und gewaltsame Unterdrückung prägten den kolonialen Alltag und ziehen sich bis heute durch in Form postkolonialer Strukturen. 

Kolonialismus als Herrschaftssystem  

Kolonialismus war weit mehr als die militärische Kontrolle fremder Gebiete. Er verkörpert ein umfassendes Herrschaftssystem, welches auf der Aneignung von Land, der wirtschaftlichen Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskraft sowie der politischen und kulturellen Unterordnung der kolonisierten Bevölkerung beruht. Um diese Herrschaft zu legitimieren, entwickelten und verbreiteten europäische Kolonialmächte rassistische Ideologien, die Menschen anhand vermeintlicher biologischer oder kultureller Unterschiede hierarchisierten und koloniale Gewalt als „zivilisatorische Mission“ rechtfertigten. Kolonialismus veränderte damit nicht nur territoriale Grenzen und wirtschaftliche Strukturen, sondern prägte auch Wissensordnungen, Vorstellungen von Kultur, Identität und Zugehörigkeit und globale Machtverhältnisse, die in vielen Bereichen bis heute fortbestehen. 

Wettlauf um Afrika: Die Berliner Afrika-Konferenz 1884/85 

Besonders gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die koloniale Expansion mit dem sogenannten „Wettlauf um Afrika“ ihren Höhepunkt. Europäische Mächte teilten große Teile des afrikanischen Kontinents unter sich auf, ohne die dort lebenden Gesellschaften einzubeziehen oder bestehende politische, kulturelle und soziale Strukturen zu berücksichtigen. Die Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85, die unter der Leitung Otto von Bismarcks stattfand, koordinierte diese kolonialen Machtansprüche und schuf Regeln für die europäische Aufteilung des Kontinents. 

Bismarck teilt den afrikanischen Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten auf.

Die deutschen Kolonien: “Ein Platz an der Sonne”? 

Zwischen 1884 und 1919 war das Deutsche Kaiserreich Kolonialmacht. Unter Reichskanzler Otto von Bismarck begann das Deutsche Kaiserreich, Gebiete in Afrika und im Pazifik gewaltsam zu besetzen und unter koloniale Herrschaft zu stellen. Nach dem Ersten Weltkrieg endete die deutsche Kolonialherrschaft. Der Versailler Vertrag übertrug die Verwaltung der ehemaligen deutschen Kolonialgebiete als Mandate an andere Kolonialmächte. 

Zu den größten Kolonialgebieten gehörten die damaligen deutschen Kolonialbezeichnungen “Deutsch-Südwestafrika” (heute Namibia), “Deutsch-Ostafrika” (heute überwiegend Teile Tansanias sowie Ruandas und Burundis), Kamerun und Togo. Hinzu kamen kleinere Kolonialgebiete unter anderem im heutigen Papua-Neuguinea sowie auf mehreren Inseln im Pazifik. 

Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts 

Besonders der Genozid an den OvaHerero und Nama im heutigen Namibia gilt als eines der schwersten Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und wird vielfach als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Zwischen 1904 und 1908 ließ die deutsche Kolonialverwaltung unter der Leitung von General Lothar von Trotha den Widerstand der OvaHerero und Nama mit äußerster Gewalt niederschlagen. Zehntausende Männer, Frauen und Kinder wurden systematisch getötet und viele in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben, wo Tausende verdursteten und verhungerten.  

Diejenigen, die die Hinrichtungen und Vertreibung überleben, wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, die von der deutschen Kolonialverwaltung im ganzen Kolonialgebiet eingerichtet wurden. Unter katastrophalen Bedingungen wurden die Inhaftierten zu Zwangsarbeit gezwungen. Tausende weitere Menschen starben an Krankheiten, Unterernährung und Erschöpfung. Frauen und Mädchen waren zusätzlich sexualisierter Gewalt ausgesetzt.  

Die Schädel der in den Lagern gestorbenen Menschen wurden an deutsche Universitäten und Museen geschickt, wo sie zu rassistischen und pseudowissenschaftlichen Forschungszwecken eingesetzt wurden. Viele diese Schädel befinden sich bis heute in den Sammlungen deutscher Universitäten, Museen und im Privatbesitz.  

Schätzungsweise 80 Prozent der OvaHerero und 50 Prozent der Nama wurden in dieser Zeit durch die deutschen Kolonisatoren getötet.  

Der Maji-Maji-Krieg  

Ein weiteres Beispiel für die extreme Gewalt der deutschen Kolonialmächte gegen die lokale Bevölkerung war der fast zeitgleich stattfindende Maji-Maji-Krieg (1905–1907) in der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Zahlreiche ethnische Gruppen erhoben sich gemeinsam gegen Zwangsarbeit, irrational hohe Steuerabgaben, Landenteignungen und die koloniale Unterdrückung. Die deutsche Kolonialmacht reagierte mit einer Strategie der “verbrannten Erde”: Dörfer, Felder und Vorräte wurden systematisch zerstört, wodurch eine verheerende Hungersnot ausgelöst wurde. Schätzungen zufolge starben infolge des Krieges zwischen 250.000 und 300.000 Menschen – überwiegend Zivilist*innen. 

Die Folgen bis heute 

Der Genozid an OvaHerero und Nama sowie die koloniale Unterdrückung und gewaltvolle Niederschlagung im Maji-Maji-Krieg wirken bis in die Gegenwart nach. Vor allem der Verlust von Land und Lebensgrundlagen, aber auch die anhaltenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten prägen viele betroffene Gemeinschaften bis heute. Die Diskussion über einen angemessenen Umgang mit diesem kolonialen Unrecht, insbesondere über Fragen der Anerkennung, historischer Verantwortung sowie von Reparationen und Entschädigungen, ist also weiterhin aktuell und unabdingbar.  

Koloniale Spuren in Deutschland 

Nicht nur in privaten Sammlungen und Sammlungen deutscher Museen und Universitäten befinden sich weiterhin zahlreiche Kulturgüter, die während der Kolonialzeit unter ungleichen oder gewaltsamen Bedingungen entwendet wurden. Auch im öffentlichen Raum – etwa in Denkmälern, Straßennamen oder historischen Darstellungen, die koloniale Akteure ehren oder koloniale Gewalt ausblenden – zeigt sich die koloniale Vergangenheit Deutschlands bis heute. Gleichzeitig spielt der deutsche Kolonialismus im schulischen Unterricht häufig nur eine untergeordnete Rolle. Dadurch bleiben viele ihrer historischen und gegenwärtigen Auswirkungen in der öffentlichen Wahrnehmung wenig bekannt. 

Ein Blick zurück - und nach vorne 

Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus ist mehr als ein Blick in die Vergangenheit. Sie hilft, heutige globale Ungleichheiten, Debatten über Restitution und Reparationen sowie Fragen historischer Verantwortung besser zu verstehen. Gleichzeitig eröffnet sie die Möglichkeit, koloniale Kontinuitäten kritisch zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven stärker in Erinnerungskultur, Bildung und gesellschaftliche Debatten einzubeziehen. 

Quellen

Bundeszentrale für politische Bildung: Deutschland in Afrika - Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen (Mai 2005)

Amnesty InternationalVölkermord an Ovaherero & Nama in Namibia: Deutschlands unbewältigtes Koloniales Erbe (Oktober 2025)  

Beitragsbild: © By Brockhaus atlas (1894), Public Domain, Map of German East Africa (March 1894)

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